Winterschnitt vs. Sommerschnitt – Wann schneidet man richtig?
Winter oder Sommer? Die Wahl des richtigen Schnittzeitpunkts entscheidet über Wachstum, Gesundheit und Form des Baums. Wir erklären, wann welcher Schnitt sinnvoll ist.
Die Frage nach dem richtigen Schnittzeitpunkt gehört zu den häufigsten in der Baumpflege. Die Antwort ist einfach und komplex zugleich: Chunnt druf a. Auf den Baum, auf sein Alter, auf das Ziel des Schnitts. Wer zur falschen Zeit schneidet, riskiert Pilzbefall, übermässiges Wachstum oder geschwächte Bäume.
Warum der Zeitpunkt entscheidet
Ein Baum reagiert unterschiedlich auf einen Schnitt – je nachdem, ob er gerade ruht oder aktiv wächst. Im Winter steht der Saftfluss still, die Struktur ist klar erkennbar, und der Baum mobilisiert im Frühjahr alle Reserven für einen kräftigen Austrieb. Im Sommer hingegen läuft der Stoffwechsel auf Hochtouren: Wunden heilen schneller, das Wachstum wird gebremst, und schwache Äste fallen direkt ins Auge.
Diese drei Faktoren sind entscheidend: der Saftfluss und die Wundheilung, das Wachstumsziel und die Sichtbarkeit der Struktur.
Der kritischste Zeitpunkt: März bis Mai
Die Phase zwischen Knospenbruch und Laubaustrieb ist besonders heikel. Der Baum mobilisiert seine Reserven, der Saftdruck steigt, die Rinde schwillt an und wird druckempfindlich. Schnitte können zu starkem „Bluten" führen – der Baum verliert wertvolle Reservestoffe. Das Gewebe reagiert sensibler auf Verletzungen, und beim Klettern im Baum besteht erhöhtes Risiko für Rindenschäden. Wer diese Phase meiden kann, sollte das tun.
Winterschnitt: Für Wachstum und Struktur
Der klassische Winterschnitt erfolgt zwischen November und März, solange kein starker Frost herrscht. Er eignet sich für:
Geschwächte Bäume
Ein Baum, der Vitalität verloren hat, braucht einen kräftigen Neuaustrieb. Der Winterschnitt löst genau diese Reaktion aus.
Starke Rückschnitte und Kopfschnitt
Wer die Krone deutlich verkleinern oder einen Kopfschnitt durchführen muss, tut das im Winter. Der Baum kompensiert den Verlust durch starkes Wachstum im Frühjahr.
Sicherheitsschnitte und Struktureingriffe
Ohne Laub sieht man Risse, Fehlstellungen und die gesamte Statik klar. Eingriffe in die Struktur plant man am besten, wenn die Architektur des Baums vollständig sichtbar ist. Totholz hingegen erkennt man im Winter schlechter – die Rinde muss geprüft werden, Knospen kontrolliert, manchmal sogar angekratzt, um sicher zu sein.
Wichtig: Der Winterschnitt fördert das Wachstum. Bei ohnehin vitalen Bäumen kann das zu übermässigem Austrieb führen. Die Folge: Die Krone wird binnen weniger Jahre dichter als vor dem Schnitt. Es braucht kürzere Schnittintervalle, und der Baum wird durch wiederholte starke Eingriffe zunehmend geschwächt. Ein weiteres Problem: Im laublosen Zustand lässt sich der Lichtgewinn schwer abschätzen – oft wird zu viel geschnitten.
Sommerschnitt: Für Form und Gesundheit
Der Sommerschnitt findet zwischen Juni und August statt, wenn der Baum voll belaubt ist. Er ist die richtige Wahl für:
Vitale Bäume mit starkem Wachstum
Bäume, die jedes Jahr meterlange Triebe bilden, profitieren vom Sommerschnitt. Er bremst das Wachstum und hält die Krone kompakt.
Steinobst und sensible Arten
Zwetschgen, Kirschen und Aprikosen sind im Winter anfällig für Pilzinfektionen wie die Monilia-Spitzendürre. Der Sommerschnitt minimiert dieses Risiko durch schnellere Wundheilung. Auch Ahorne, Birken, Hainbuchen, Walnüsse, Hartriegel und Magnolien reagieren empfindlich auf Winterschnitte – sie „bluten" stark, verlieren Reservestoffe und heilen im Sommer deutlich besser.
Auslichtung und Formgebung
Im belaubten Zustand erkennt man sofort, wo die Krone zu dicht ist. Totholz und schwache Äste fallen ins Auge – sie tragen keine Blätter, während der Rest grün ist. Was im Winter aufwendige Prüfung der Rinde und Knospen erfordert, ist im Sommer auf den ersten Blick erkennbar. Entscheidend: Der Lichtgewinn ist direkt sichtbar. Das führt zu massvolleren, gezielteren Eingriffen – genau so viel wie nötig, nicht mehr.
Jungbaumerziehung
Leichte Korrekturen an jungen Bäumen führt man besser im Sommer durch. Die Reaktion ist sanfter, die Form bleibt kontrollierbar.
Wichtig: Der Sommerschnitt schwächt den Baum leicht, weil er bereits Energie in Blätter investiert hat. Starke Eingriffe sollten vermieden werden.
Zwei häufige Bedenken – und warum sie bei fachgerechter Arbeit keine Rolle spielen
„Im Sommer wird der Garten unter dem Baum beschädigt" Blühende Stauden, frische Beete – die Sorge ist berechtigt. Bei professioneller Baumpflege fallen aber keine schweren Äste unkontrolliert. Starkholz wird abgeseilt, leichtes Schnittgut gezielt abgelegt. Der Unterwuchs bleibt intakt.
„Vögel und andere Baumbewohner werden gestört" Nistplätze, Höhlen und Fledermausquartiere werden vor jedem Eingriff kontrolliert. Zwischen März und September gelten gesetzliche Schutzfristen für brütende Vögel. Wo nötig, wird der Schnitt verschoben oder auf unkritische Bereiche beschränkt.
Häufige Fehler und Missverständnisse
„Man schneidet nur im Winter"
Dieser Irrtum hält sich hartnäckig. Er stammt aus der Landwirtschaft und dem Obstbau, wo der Winterschnitt lange Standard war – schlicht, weil im Winter het me Ziit gha. Fachlich ist das nicht immer richtig.
Steinobst im Winter schneiden
Ein klassischer Fehler. Kirschen, Zwetschgen und Pfirsiche sollten im Sommer geschnitten werden. Winterschnitte erhöhen das Risiko für Gummiflusskrankheiten und Pilzbefall erheblich.
Zu starker Sommerschnitt
Wer im Sommer zu viel wegnimmt, schwächt den Baum unnötig. Die Blattmasse fehlt für die Photosynthese, die Reserven für den Winter werden nicht ausreichend aufgebaut.
Schnitt bei Extremtemperaturen
Frost unter -5°C und Hitze über 30°C sind ungünstig. Die Wundheilung läuft nicht optimal, und der Baum steht unter Stress.
Welcher Schnitt für welchen Baum?
Generell gilt: Der Sommerschnitt ist für die meisten Baumarten der schonendere und gesündere Zeitpunkt. Die Wundheilung läuft besser, Totholz ist sofort erkennbar, und Pilzinfektionen haben weniger Chancen.
Winterschnitt ist zwingend bei:
- Geschwächten Bäumen (brauchen den starken Austrieb)
- Starken Rückschnitten und Kronenverkleinerungen
- Kopfschnitt an Laubbäumen (Platane, Linde, Weide)
- Sicherungsschnitten mit grossen Eingriffen in die Statik
Sommerschnitt bevorzugen bei: Steinobst (Kirsche, Zwetschge, Aprikose, Pfirsich), Walnuss, Birke, Japanischer Ahorn, Magnolie – und grundsätzlich bei allen anderen Laubbaumarten, solange keine starken Rückschnitte nötig sind.
Ausnahme Nadelholz: Kiefer und Fichte schneidet man besser im Winter. Im Sommer tritt dünnflüssiges Harz in grossen Mengen aus und verklebt alles. Im Winter fliesst das Harz zähflüssiger, verschliesst die Wunde antimikrobiell und schützt vor Pilzinfektionen.
Ausnahme Platane: Platanen werden oft im Winter geschnitten, weil die Blattbehaarung bei vielen Menschen Haut- und Schleimhautreizungen auslöst. Im laublosen Zustand ist die Arbeit für alle Beteiligten angenehmer.
Fazit: Kein Dogma, sondern Handwerk
Es gibt keinen universell richtigen Zeitpunkt. Ein professioneller Baumschnitt berücksichtigt den Einzelfall: Welche Art? Wie vital ist der Baum? Was ist das Ziel? Die Faustregel lautet: Sommerschnitt für Gesundheit und Präzision, Winterschnitt für Wachstumsimpulse und starke Eingriffe.
Wer unsicher ist, holt sich fachliche Beratung – vor Ort, mit Blick auf den konkreten Baum.
Sie haben Fragen zum richtigen Schnittzeitpunkt? Wir beraten Sie gerne – direkt bei Ihnen vor Ort in Zürich, Zug, im Freiamt und der Region Albis.

